Orts- und Kirchengeschichte

Um 900, also während der Herrschaft der Ottonen, wurde in Niedershausen eine erste Kirche gestiftet. Sie war auf den Namen des hl. Burckhardt geweiht, eines angelsächsischen Mönchs und Mitarbeiters von Bonifatius, der von diesem 741 zum ersten Bischof von Würzburg ernannt worden war. Die Wahl dieses im hessischen Raum sehr ungewöhnlichen Kirchenpatrons verweist darauf, dass das Niedershäuser Gotteshaus wie auch dasjenige des nahe gelegenen Biskirchen („Bischofskirchen“) mit hoher Wahrscheinlichkeit von dem aus Weilburg stammenden Konradiner Rudolf entweder gestiftet oder mit Reliquien beschenkt wurde. Rudolf war von 892 bis zu seinem Tod 908 Nachfolger Burckhardts auf dem Bischofsstuhl Würzburgs, hielt aber durch seine Kirchenstiftungen die Verbindung zu seiner Heimat aufrecht. Somit besaß Niedershausen bereits im frühen 10. Jahrhundert einen eigenen Kirchenbau, der vermutlich an der Stelle des heutigen Gotteshauses stand.

Die erste urkundliche Erwähnung des eigentlichen Ortes – noch unter seinem ursprünglichen Namen (Nieder-)Rolyshusen – datiert jedoch erst in das Jahr 1296. Niedershausen gehörte bis 1492 zur Grafschaft Solms, kam dann an Nassau-Beilstein und 1621 an Nassau-Diez. Im 17. Jahrhundert war die Geschichte des Dorfes immer wieder von Katastrophen wie Pestepidemien und verheerenden Bränden geprägt.

Die heutige Kirche

Der ottonische Vorgängerbau des frühen 10. Jahrhunderts war im 18. Jahrhundert so baufällig geworden, dass 1788 das Betreten aus Sicherheitsgründen verboten werden musste. So fanden in den folgenden Jahren die Gottesdienste im Sommer unter freiem Himmel auf dem Kirchhof statt, während im Winter die Gemeindemitglieder nach Obershausen zu Fuß oder fahren mussten. Da sich eine Renovierung des uralten Baus nicht mehr lohnte, entschloss sich die Gemeinde, eine neue Kirche zu errichten. Beauftragt wurde der Herborner Chaussee-Inspektor Wolf mit der Bauplanung. Begonnen wurde im Jahr 1805, wie es auch die Inschrift über dem Südportal bezeugt. Jedoch kam es zu Querelen, die den Baufortschritt stark verzögerten, sodass erst am 6. November 1808 die feierliche Einweihung stattfinden konnte.

Der Bau steht in erhöhter Lage über dem alten Ortskern, umgeben von den beiden Fachwerkhäusern der ehemaligen alten Schule und des Pfarrhauses sowie dem neuen Gemeindehaus von 1977. Hinter der Kirche erhebt sich zudem der alte Friedhof.

Der Bau besteht entsprechend dem klassizistischen Architekturideal seiner Zeit aus einem schlichten Kubus mit einem hohen Walmdach, über dessen First sich ein achteckiger Dachreiter erhebt. Mit seiner geschweiften Turmhaube und kleinen Laterne ist dieses Reitertürmchen im Gegensatz zum übrigen Bau noch eher vom Barockstil geprägt. Die Ansichtsseite zum Ort wird einzig durch drei große, mit roter Farbe akzentuierte Bogenfenster gegliedert. Die beiden Schmalseiten zeigen ebenfalls große Rundbogenfenster, die direkt oberhalb der Portale ansetzen. Diese Türen besitzen noch ihre originalen Türblätter, deren obere Füllungen mit geschnitzten Vasen und Bogengirlanden geschmückt sind. Auch der Seiteneingang zum rückwärtigen Bauteil mit den kleineren Nebenräumen von Sakristei und Treppenaufgang besitzt noch seine schöne bauzeitliche Tür mit Ornamentbändern.

Das Innere

Das Innere des Gotteshauses erscheint als Saalraum mit Voutendecke, einer typisch evangelischen Predigt- und Gemeindekirche. Gleich der Schlosskirche in Weilburg ist sie querorientiert, d. h. das liturgische Zentrum mit Altar, Kanzel und Orgel befindet sich in der Mitte der Längsseite, nicht an einer der Schmalseiten. Eine stattliche dreiseitige Empore mit schlicht gefelderter Brüstung erhebt sich über kräftigen, grau marmorierten Säulen. Auch das Gemeindegestühl der unteren Ebene ist vollständig erhalten und zeigt einfache, geschwungene Wangen.

Die Decke ist mit einem kreisförmigen Stuckmedaillon geschmückt. Das umfassende Rund zeigt Rosenblüten und -blätter sowie vier Engelsköpfchen. Die Mitte nimmt eine vergoldete Heilig-Geist-Taube, umgeben von einem Strahlenkranz, ein. Die Gestaltungsdetails lassen vermuten, dass das Deckenfeld wahrscheinlich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angebracht wurde. Vielleicht diente das Deckenrondell der Weilburger Schlosskirche als Vorbild.

Altartisch

Inmitten des Raums erhebt sich als liturgisches Zentrum ein großer gewölbter Altartisch aus schwarzem Schupbacher Marmor. Der Wandabschnitt dahinter ist als aufwändiges Ensemble gestaltet, das in protestantischer Tradition die Kanzel und damit das Predigtwort in den Mittelpunkt rückt. Oberhalb des gefelderten Sockelbereichs, in dem auf der linken Seite eine Tür eingelassen ist, erhebt sich die polygonale Kanzelbrüstung. Deren einzelne hochrechteckige Felderungen sind mit herabhängenden Blütenkelchen verziert. Seitlich der Kanzel öffnen sich Sprossenfenster zu einem kleinen rückwärtigen Raum.

Orgelprospekt

Das oberste Geschoss ist am reichsten und plastischsten gestaltet: Eine geschwungene Brüstung aus sich überschneidenden Spitz- und Rundbogen wölbt sich in der Mitte vor und bildet den Schalldeckel.

Darüber erhebt sich das Orgelprospekt. Es besteht aus je drei unterschiedlich großen Orgelfeldern, die sich seitlich des zentralen, bis fast zur Decke reichenden Turmes gruppieren. Die größeren seitlichen Felderungen werden durch klassizistische Deckelvasen bekrönt. Die Schleierbretter und zwei geschwungene Zierelemente, die die einzelnen Prospektfelder verbinden, sind mit Akanthusranken, Rosetten, Lorbeer- und Tuchgehängen geschmückt. Sparsame Vergoldungen und eine grüne Fassung der floralen Motive setzen Akzente.

Das Instrument stammt von 1809/11 und wurde von dem berühmten Orgelbauer C. E. Schöler aus Bad Ems geschaffen. Ihre Disposition lautet: Prinzipal 4', Gedackt 8', Quintade 8', Salicet 4', Spitzflöte 4', Quinte, Klein-Gedeckt 4', Octave 2', Terz 1 3/5', Mixtur 3fach 2', Subbass 16', Octavbass 8'.

Taufbecken

Seitlich hinter dem Altar steht das Taufbecken aus grau-rosarotem Villmarer Marmor in schlichter kelchartiger Formgebung, das eine interessante Geschichte besitzt: Der Taufstein war eine Schenkung des Oberlahnkreises an die Frankfurter Paulskirche nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach der Umwidmung der Kirche zur Nationalen Gedenkstätte kam das Stück durch Vermittlung des damaligen Bürgermeisters Helmut Weber 1970 wieder in seine ursprüngliche Heimat zurück.

Die Geschichte der Glocken

Die Burckhardtkirche besaß einst eine sehr alte Glocke des 13. oder 14. Jahrhunderts, die leider bei der Metallsammlung des Ersten Weltkrieges zusammen mit den Prospektpfeifen der Orgel abgeliefert wurde. Erhalten blieb jedoch die zweitälteste, 1475 entstandene Glocke der Kirche. Nach 1918 kam sie aus ungeklärtem Grund nach Ahausen, wo sie bis 1985 als Schulglocke diente. Erst 1996 wurde sie nach Niedershausen zurückgebracht.

Aus Bronze gegossen, besitzt sie den Schlagton f² und zeigt am Hals zwischen zwei Stegen die Inschrift in gotischen Minuskeln (Kleinbuchstaben):

+ zu ere schen godes luden ich borcart heissen ich anno m cccc lxxv

(„Zu Ehren Gottes läute ich. Burckhardt heiße ich. Im Jahre 1475.“)

Am Anfang des Textes steht ein kleines Kreuz, dessen Endungen mit Blüten geschmückt sind. Es weist zusammen mit der Formulierung „zu ere godes luden ich“ auf eine Entstehung der Glocke in der Werkstatt eines der berühmtesten und produktivsten Meister des 15. Jahrhunderts, Tilmann von Hachenburg, hin. Dieser war zwischen 1444 und 1488 in Hachenburg sowie Montabaur tätig. Da Tilmann sich in der Inschrift jedoch nicht – wie sonst üblich – selbst nennt, könnte die Burckhardtsglocke von einem seiner Mitarbeiter geschaffen worden sein.

Die drei anderen Glocken Niedershausens sind Gussstahlglocken der Firma Weule in Bockenem von 1919. Sie waren nach dem Verlust der alten Glocken während und nach dem Ersten Weltkrieg auf Kosten der Zivilgemeinde angeschafft worden.